Vom 16. bis 18. Oktober wurde Bingen am Rhein zum Treffpunkt international ausgewiesener Experten für Sportpferdemedizin, Biomechanik, Zucht und Springpferdetraining. Unter dem Titel „The Performing Show Jumper 2026“ bot die von Dr. Arno Lindner (Arbeitsgruppe Pferd) und Dr. Kai Kreling organisierte Veranstaltung einen hochspezialisierten wissenschaftlichen und praxisorientierten Austausch über die Leistungsfähigkeit, Gesunderhaltung und sportliche Entwicklung des Springpferdes. Das dreitägige Programm vereinte acht hochkarätige Referenten mit einem internationalen Fachpublikum, überwiegend Tierärzten aus der Sportpferdemedizin. Im Mittelpunkt stand eine übergeordnete Fragestellung: Was zeichnet ein erfolgreiches Hochleistungsspringpferd aus, wie lassen sich seine sportlichen Fähigkeiten wissenschaftlich beurteilen und gezielt verbessern, und wie können Leistungsfähigkeit und langfristige Gesundheit miteinander in Einklang gebracht werden?
Der erste Veranstaltungstag im NH Hotel Bingen widmete sich den biologischen, veterinärmedizinischen und trainingswissenschaftlichen Grundlagen des erfolgreichen Springpferdes. Dr. Emma Thorén Hellsten eröffnete die fachlichen Beiträge mit den Auswirkungen züchterischer Selektion auf die Entwicklung leistungsfähiger Springpferde. Philippe Benoit beleuchtete anschließend die veterinärmedizinische Beurteilung eines geeigneten Springpferdes, insbesondere im Rahmen der Kaufuntersuchung. Lars Meyer zu Bexten ergänzte diese Perspektive um die Anforderungen aus Sicht des Reiters und Trainers. Mit den biomechanischen Merkmalen eines qualitativ hochwertigen Sprunges und den Möglichkeiten seiner Verbesserung beschäftigte sich Lars Roepstorff. Tim Worden stellte darauf aufbauend trainingswissenschaftliche Konzepte zur gezielten Verbesserung von Kondition, Sprungqualität und sportlicher Effizienz vor. Die Verbindung von Zucht, funktioneller Beurteilung, biomechanischer Analyse und Trainingssteuerung ermöglichte eine differenzierte Betrachtung der Faktoren, die ein leistungsfähiges Springpferd auszeichnen.
Reiter-Pferd-Interaktion, Gesunderhaltung und Prävention
Am zweiten Veranstaltungstag rückten die Wechselwirkungen zwischen Reiter und Pferd sowie die langfristige Erhaltung der sportlichen Leistungsfähigkeit in den Vordergrund. Agnes Olivier erläuterte wissenschaftliche Ansätze zur Verbesserung der Wahrnehmung und Entscheidungsfindung des Reiters und deren Auswirkungen auf die Interaktion mit dem Pferd, die Wahl des Absprungpunktes und die Qualität des Sprungablaufs. Philippe Benoit beschäftigte sich mit den Voraussetzungen für eine dauerhaft hohe Springleistung. Sue Dyson untersuchte mögliche Ursachen unzureichender Sprungleistungen und deren diagnostische Einordnung. Jan-Hein Swagemakers stellte typische Lahmheitsproblematiken bei Springpferden sowie Möglichkeiten ihrer Prävention und Behandlung in den Mittelpunkt. Eine ausführliche abschließende Podiumsdiskussion führte die unterschiedlichen wissenschaftlichen und praktischen Perspektiven zusammen. Erörtert wurden unter anderem die Belastung junger Pferde durch Freispringen, die Gestaltung sinnvoller Trainingsprogramme, die Bedeutung geeigneter Böden, Verletzungsrisiken, Sattelpassform sowie die Bedingungen von Transport und Turniereinsatz. Die intensiven Diskussionen zwischen Referenten und Teilnehmern machten deutlich, wie eng sportlicher Erfolg, individuelles Belastungsmanagement und konsequente veterinärmedizinische Prävention miteinander verbunden sind.
Der Sonntag stand vollständig im Zeichen der praktischen Umsetzung. Auf der Reitanlage Hof Grabenborn von Lena Kreling und Manuel Horn in Bingen wurden unterschiedliche Reiter-Pferd-Kombinationen vorgestellt – vom ambitionierten Amateurreiter bis zum professionellen Sportreiter sowie vom jungen Nachwuchspferd bis zum erfahrenen Hochleistungsspringpferd. Die internationalen Experten beurteilten gemeinsam Bewegungsabläufe, Sprungtechnik, Reitereinwirkung und funktionelle Eigenschaften der vorgestellten Pferde. Die Beobachtungen wurden anschließend auch anhand von Videoaufzeichnungen vertieft und interdisziplinär diskutiert. Dr. Kai Kreling moderierte sowohl die wissenschaftlichen Diskussionen als auch der praktischen Pferdevorstellungen und anschließenden Fallbesprechungen. Am Ende konnten wichtige Verbindungen zwischen veterinärmedizinischer Diagnostik, biomechanischer Forschung und der täglichen sportlichen und medizinischen Anwendung herausgearbeitet werden.
Von wissenschaftlicher Erkenntnis zur sportmedizinischen Praxis
Ein besonderer Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf der Frage, wie die inzwischen zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Veröffentlichungen zur Biomechanik, Leistungsfähigkeit, Trainingssteuerung und Gesunderhaltung des Springpferdes in die tägliche Beurteilungs- und Arbeitsmethodik der Sportpferdemedizin integriert werden können. Die objektive Beurteilung sportlicher Qualität und insbesondere der Sprungeffizienz stellt eine außerordentlich komplexe Herausforderung dar. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern zunehmend messbare und nachvollziehbare Kriterien, die eine differenziertere Bewertung ermöglichen. Ihre praktische Bedeutung entfalten diese Erkenntnisse jedoch erst dann, wenn sie von entsprechend ausgebildeten, erfahrenen Sportpferdemedizinern im Zusammenhang mit den individuellen Eigenschaften, dem Ausbildungsstand und den jeweiligen sportlichen Anforderungen des einzelnen Pferdes interpretiert werden. Genau an dieser Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Evidenz, klinischer Erfahrung und sportlicher Realität setzte die Veranstaltung an. In den Vorträgen, intensiven Diskussionen und praktischen Demonstrationen wurde deutlich, wie wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse in konkrete diagnostische, präventive und trainingsbegleitende Maßnahmen übersetzt werden können.
Dabei ging es nicht allein um die Optimierung sportlicher Leistung, sondern gleichermaßen um die Vermeidung von Überlastungen, die langfristige Gesunderhaltung und die Verbesserung des Wohlbefindens des Sportpferdes. Eine wesentliche Stärke des Meetings bestand somit darin, komplexe wissenschaftliche Fragestellungen in praxistaugliche Antworten zu überführen und den Teilnehmern konkrete Anregungen für ihre tägliche Arbeit am Pferd zu vermitteln.
Wissenschaft, Erfahrung und Verantwortung für das Sportpferd
„The Performing Show Jumper 2026“ verdeutlichte eindrucksvoll, dass eine moderne, qualitativ hochwertige Sportpferdemedizin weit über die klassische Diagnostik und Behandlung hinausgeht. Sie erfordert die kontinuierliche Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und die Fähigkeit, diese mit klinischer Erfahrung und den individuellen Anforderungen des jeweiligen Pferdes zu verbinden. So entstand ein außergewöhnlich intensiver Wissenstransfer, der nicht nur neue Perspektiven für die Beurteilung und Verbesserung sportlicher Leistungsfähigkeit eröffnete, sondern zugleich wichtige Impulse für eine nachhaltige, pferdegerechte und wissenschaftlich fundierte Betreuung des Hochleistungsspringpferdes setzte.
Transparenzhinweis: Der Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Dr. Kai Kreling verfasst und enthält Hinweise auf eigene Leistungen.











